Jimmy Song: Warum Bitcoin anders ist

Übersetzung des englischen original Artikels von Jimmy Song erschienen am 02. April 2018 auf Medium

Wenn du dich erst seit kurzem mit Bitcoin beschäftigst, kamen dir die letzten Monate schon ziemlich verrückt vor. Wir haben steile Anstiege und atemberaubende Abstürze erlebt, die uns eine Achterbahn der Emotionen beschert haben, die gar nicht so leicht zu kontrollieren sind. Solch eine Preis Action ist sowohl atemberaubend aufregend als auch schmerzhaft. Man kann leicht aus den Augen verlieren, in was wir da eigentlich investiert haben. Wie kann man eine Coin von einer anderen unterscheiden ? Und noch viel wichtiger: Wie kann ein Investor erkennen, was der Langzeitwert eines Projektes sein wird ?
In diesem Artikel werde ich beleuchten, wie sich Bitcoin von den Altcoins unterscheidet, und warum Bitcoin ein System ist, das abgesehen von dem ganzen Klonen, bisher noch nicht wirklich repliziert wurde.

Wahre Innovation

Um wirklich das Wertversprechen von Bitcoin zu verstehen, ist es hilfreich sich die Geschichte anzuschauen. Es ist so verführerisch zu denken, der neueste ICO oder Altcoin ist endlich der, der Bitcoin jetzt verbessert und all seine Probleme löst und dass Bitcoin nun degradiert wird, um in der Geschichte als Staubfänger zu enden, weil es an irgendeinem „Feature“ mangelt.

In der Tat glaubt fast jeder Altcoin, ICO oder Hardfork, auf fundamentale Weise innovativer als Bitcoin zu sein. Was dabei übersehen wird ist das die größte Innovation bereits geschehen ist.

Dezentrale digitale Knappheit ist die wahre Innovation, und Bitcoin war nicht nur die erste Kryptowährung die dezentral und knapp ist, sondern wie dieser Artikel klarmachen wird, ist auch weiterhin die einzige, die diese Eigenschaften im wahrsten Sinne des Wortes, besitzt.

All die anderen so genannten Innovationen, wie zum Beispiel kürzere Bestätigungszeiten (Confirmations), ein anderer Proof-of-Was-auch-immer Algorithmus, Turing-Vollständigkeit, neue Signatur-Algorithmen, oder sogar Privatsphäre, sind in Wirklichkeit nur kleine Variationen verglichen mit der gigantischen Innovation von Bitcoin.

An dieser Stelle ist es wichtig, dass wir uns erinnern, das seit 2011 Alternativen zu Bitcoin präsentiert werden. Keine von ihnen hat es bisher annähernd geschafft, Bitcoin in Sachen Preis, Anwendung oder Sicherheit zu ersetzen.

IxCoin war ein Klon von Bitcoin, geschaffen 2011 mit grösseren Block-Rewards (Anzahl Coins pro neu gefundenem Block) und einem Premine (grosse Anzahl an Coins für die Gründer). Tenebrix war ein Altcoin der 2011 versuchte, GPU-Resistenz einzuführen und hatte einen grossen Premine. Solidcoin war ein weiterer Altcoin, mit schnelleren Blockzeiten und wieder mit Premine. Die wohl einzigen, die aus dieser Zeit überlebt haben, sind Litecoin und Namecoin. Sie unterscheiden sich insofern, dass sie nicht mit einem Premining starteten.

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Coinmarketcap.com ca. Mai 2013

Auch ICOs sind nicht neu. Mastercoin hielt 2013 ein ICO ab. Wie man sich bereits denken kann, gab es auch ein Premine, der ICO nahm über 5000 Bitcoins ein. Mastercoin musste sich zu Omni umbenennen, da das Ecosystem zu ausgelaugt war. Factom hat 2015 ein ICO durchgefuehrt, über 2000 BTC gesammelt und musste danach mehrere zusatzliche Finanzierungsrunden starten, weil Ihnen das Geld ausging. Mit anderen Worten: All diese aufregenden, neuen Währungen haben sich generell schlecht bewährt und nicht viel Nutzen gebracht.

Altcoins und ICOs haben viele verschiedene „Features“ ausprobiert, doch die meisten waren nicht benutzbar oder haben keinen grossen Nutzen gebracht. Doch was hat das schon ? Warum scheint Bitcoin einen so speziellen Platz im Ecosystem zu haben ? Was unterscheidet Bitcoin von Altcoins ? Wir schauen uns zwei einzigartige Aspekte an, die Bitcoin vom Rest unterscheidet: Den Netzwerk-Effekt und die Dezentralisierung.

Der Netzwerkeffekt

Da Bitcoin das grösste Netzwerk ist, profitiert es am meisten vom Netzwerkeffekt und andere Coins machen im Prinzip eine gigantische Aufholjagd. Bitcoin ist die 7 Tage Woche und jede andere Coin eine leichte Abwandlung davon (Lasst uns die 4-Tage Woche einführen! Lasst uns den Tag 18 Stunden lang machen. Lasst uns die Tage in etwas anderes umbenennen. Lasst uns die Wochen den Launen einer zentralen Autorität anpassen!) Es ist überflüssig zu erwähnen, dass diese „Innovationen“, im besten Fall, gering sind und generell nicht adaptiert werden. Der Grund dafür ist, das der Netzwerkeffekt von Bitcoin mit der Zeit wächst, und diejenigen, die das Netzwerk benutzen, sich zu den Standards des Netzwerks hin optimieren, und mehr und mehr Personen mit einbeziehen.

 

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Während das Netzwerk wächst, können wir beobachten, das subtile, unbeachtete Nutzen für jede Norm entstehen. Was an der Oberflaeche ineffizient erscheint, hat jedoch weitere Ordnungseffekte, die denjenigen nutzt, die sich an die Norm halten. Nehmen wir zum Beispiel ein Auto. Es fliegt nicht oder kann nicht auf dem Wasser fahren, da es für eine festen Untergrund gemacht wurde. Das Fehlen dieser Eigenschaften macht das Auto nützlicher, weil es so einfacher zu parken ist. (Es ist kleiner als ein Boot/Auto/Flugzeug-Hybrid), Wartung und Treibstoff sind günstiger, etc.)
Zusätzlich haben diese Normen den Test der Zeit widerstanden und auf weniger offensichtlichem Wege ihre Widerstandsfähigkeit bewiesen. Man will nicht die erste Person sein, die in einem Boot/Auto/Flugzeug-Hybrid fliegt, denn man weiß ja nicht, wie sicher so ein Vehikel ist. Etwas das schon einige Zeit existiert, hat seine relative Sicherheit bewiesen. Auf eine Weise betrachtet hat Bitcoin das weltgrößte Bug-Bounty-Programm um etwaige Sicherheitslücken zu entlarven. Und als ein Resultat hat Bitcoin seine Sicherheit mit dem einzigen Faktor bewiesen, der es wirklich beweisen kann: Zeit. Jede andere Kryptowährung ist viel jünger oder hat sich als weniger sicher herausgestellt. In der Tat ist die dubiose Natur viele dieser „Features“ mit der Zeit offensichtlich geworden. Ethereum‘s Turing-Vollständigkeit hat zum Beispiel die gesammte Platform angreifbarer gemacht (siehe DAO und Parity Bugs). Im Gegensatz dazu hat Bitcoins Smart Contract Sprache „Script“ Turing-Vollständigkeit aus genau diesem Grund gemieden. Um solche Angriffspunkte zu beheben antworten die zentralen Autoritäten der Coins üblicherweise mit noch mehr zentraler Autorität (Bailouts, Hardforks, usw.). Mit anderen Worten, der Netzwerkeffekt und die Zeit verschmelzen mit Zentralisierung, um Altcoins noch fragiler zu machen.
Bitcoin hat das größte Netzwerk, das bedeutet das Bitcoins Anwendung und Benutzbarkeit einfach dadurch wächst, das es die meisten User hat. Es ist zum Beispiel viel einfacher Zubehör für ein populäres Handy zu bekommen, als für ein unbekanntes. Das um Bitcoin enstandene Ecosystem macht den Erwerb und das Halten von Bitcoin sehr viel einfacher als das des Altcoins oder ICOs der Woche.

Dezentralisation

Das andere Hauptmerkmal von Bitcoin, das keine andere digitale Währung zeigt, ist die Dezentralisierung. Und mit Dezentralisierung meine ich, das Bitcoin keinen einzelnen Fehlerpunkt (Single-Point-of-Failure) oder einzelne Schwachstelle aufweist. Jede andere Coin hat einen Gründer oder eine Firma, die die Coins herausgegeben hat; diese haben den grössten Einfluss auf das Projekt. Ein Hardfork (nicht rückwärtskompatible Änderung) zum Beispiel, ist ein Indiz dafür, das die Coin sehr zentralisiert ist.

 

 

Zentralisierte Coins haben den „Vorteil“ schnell auf sich ändernde Anforderungen des Marktes reagieren zu können. Für Unternehmen ist Zentralisierung sicherlich von Vorteil, da sie Güter oder Dienstleistungen an ihren Kunden verkaufen. Ein zentrales Business kann besser auf Anforderungen des Marktes reagieren und sich somit anpassen, um Verkauf und Profite zu optimieren.

Geht es dagegen um Geld ist Zentralisierung ein Nachteil. Erstens ist das wichtigste Wertversprechen eines Wertaufbewahrungsmittel (Store of Value), sich qualitativ nicht zu ändern (Unveränderlichkeit). Eine Wertaufbewahrungsmittel setzt voraus, das dessen Qualitäten sich nicht ändern oder aber im Laufe der Zeit besser werden. Eine Änderung, die diese Qualitäten untergräbt (zum Beispiel Inflation, rückläufige Akzeptanz oder Änderungen der Sicherheit) verändert die Nutzbarkeit von Geld als Wertaufbewahrungsmittel drastisch.

Zweitens hat Zentralisierung einer Währung die Tendenz, die Regeln zu verändern und oftmals mit katastrophalen Folgen. Die Wirtschaft des 20. Jahrhunderts ist die Geschichte von Zentralbanken, die die Benutzbarkeit von Fiat Geld als Wertaufbewahrungsmittel langsam zerstören. Aus diesem Grund beträgt die durchschnittliche Lebensspanne einer Währung nur 27 Jahre, trotz der Untertützung von mächtigen Elementen wie Regierungen und nahezu universeller Anwendung als annerkanntes Tauschmittel im gesamten Staat. Die Fähigkeit von „Features“ schnell zu reagieren und einfach benutzbar zu sein, ist bei weitem für das Überleben einer Währung nicht so bedeutend wie Knappheit und Unveränderlichkeit.

Abgesehen von Bitcoin ist jede Kryptowährung und jeder ICO zentralisiert. Im Falle eines ICOs ist dies offenschtlich. Der Halter eines ICOs ist Erzeuger der Tokens und somit die zentrale Partei. Er ist Produzent der Coins und kann deshalb die Verwendung und Bestimmung der Coins ändern, oder zusätzliche Tokens nach belieben erstellen. Auch könnte der Erzeuger bestimmten Tokens seine Güter oder seinen Service verweigern.

Altcoins haben das gleiche Problem, wenn auch nicht so offensichtlich. Für gewöhnlich ist der Macher de facto der Diktator einer Währung und kann in gleicherweise agieren wie eine Regierung. Steuern (Entwickler-Steuer, Speicher-Steuer) Inflation oder Gewinner und Verlierer (DAO, proof-of-X-change, etc), werden oft von den Erschaffern einer Coin bestimmt. Als Besitzer einer Altcoin musst du nicht nur dem jetzigen Anführer vertrauen, sondern auch allen zukünftigen, das deine Coins nicht durch Steuern, Beschlagnahmung oder Inflation enteignet werden. Mit anderen Worten: Altcoins und ICOs unterscheiden sich qualitativ nicht von Fiat. Im Altcoin und ICO-Land hast du keine Souveränität über deine eigenen Coins.

Dies trifft in besonderen Maße auf Bitcoins größten „Konkurenten“ zu: Ethereum. Gemessen an jeglichen Standards wird Ethereum zentral kontrolliert. Das Projekt hat mindestens fünf Hardforks hinter sich, mit dem die User zu einem Software-Upgrade gezwungen wurden.

Schlechte Entscheidungen bzgl. des DAOs wurden rückgängig gemacht, nun wird sogar über eine Speicher-Steuer (storage tax) diskutiert. Die zentrale Kontrolle hat sich schon früh mit dem grossen Premine von Ethereum gezeigt.

 

Einer der größten Dinge, die Satoshi vollbracht hat, war es zu verschwinden.

 

Bitcoin ist anders. Einer der größten Dinge, die Satoshi vollbracht hat, war es zu verschwinden. In den frühen Tagen von Bitcoin hat Satoshi einen Großteil der Entwicklung kontrolliert. Durch sein verschwinden haben wir nun die Situation, das Parteien, die sich nicht mögen, dennoch alle etwas über den Betrieb des Netzwerk zu bestimmen haben. Jedes Upgrade ist freiwillig (z.B. Softforks) und niemand wird gezwungen etwas zu tun, damit er seine Bitcoins behalten kann. Mit anderen Worten: es gibt keinen „Single Point of Failure“. Bitcoin hat ein System, das sogar wenn eine ganze Gruppe von Entwicklern verschwinden würde, weiterhin jedem Benutzer eine Auswahl an verschiedenen Open-Source Implementierungen zur Verfügung steht. Mit Bitcoin hast du die Souveränität über deine Bitcoins.

Dies ist eine gute Sache, denn es gibt keine zentrale Autorität, die die Benutzung deiner Bitcoins einschränken kann. Das bedeutet, das Bitcoin tatsächlich knapp ist (im Gegensatz zu theoretisch oder temporär knapp), sich ohne jedermanns Zustimmung qualitativ nicht ändern wird und somit eine gute Wertanlage ist.

 

Schlussfolgerungen

 

An dieser Stelle magst du dich fragen: Aber es gibt doch so viele Altcoins, und sie haben bereits begonnen, an Bitcoins Marktkapitalisierung zu nagen ?! Dazu muss man zunächst bedenken, das Market Cap (Marktkapitalisierung) ein stark manipulierter Wert ist. Weiter ist es normal, das Märkte eine Menge Noise (Störrgeräusche) zeigen, und sich erst nach längerer Zeit beruhigen und glätten.

Es ist der Netzwerk-Effekt und die Dezentralisierung, wodurch sich Bitcoin von allen möchtegern Anwärtern auf den Thron unterscheidet.

Damit sei nicht gesagt, das nicht die Möglichkeit besteht, Bitcoin zu ersetzen. Solch eine Aussage wäre übertrieben optimistisch was die Chancen von Bitcoin betrifft. Das Studium der Geschichte der Kryptowährungen offenbart jedoch, dass Bitcoin seine Führungsposition nicht so schnell verlieren wird. Ein neues „Feature“ auf Kosten des Netzwerkeffekts und der Zentralisierung einzuführen ist einfach kein guter Deal.

Was braucht es um Bitcoin zu ersetzen ? Höchstwahrscheinlich eine Innovation die mindestens so gross wie Bitcoin selbst ist oder ein Bug (Sicherheitslücke), der Bitcoin unsicher macht. Mit ein paar Variabeln herum zu spielen wird nicht ausreichen. Auch eine bedeutende Eigenschaft wie z.B. Privatsphäre hinzuzufügen, ist wahrscheinlich nicht genug, da der Netzwerkeffekt bereits ein Ecosystem hat entstehen lassen, das sehr spezifisch auf Bitcoin zugeschnitten ist.

Dezentralisierung kann nicht so leicht erreicht werden, und Altcoins haben noch nicht herausgefunden, wie sie Ihre Projekte in diese Richtung lenken können. Allein die Vorstellung von „Leitung“ deutet schon an, das es sich um eine zentralisierte Coin handelt. In der Tat ist es schwer sich vorzustellen, dass die Erfinder einer Coin Dezentralisierung anstreben, da sie emotionale, ökonomische, als auch soziale Anreize haben, die Macht über ihre Kreationen zu behalten.

Bitcoin ist anders, da im Gegensatz zu Altcoins, Bitcoin eine neue Kategorie (von Assets) geschaffen hat und als Resultat den Netzwerkeffekt geniesst. Bitcoin wird sich weiterhin unterscheiden, denn im Gegensatz zu zentralisierten Coins, ist der Bitcoin Markt nicht gesteuert, unveränderbar und kann nicht beschlagnahmt werden. Dies gibt Bitcoin die Eigenschaften eines großartigen Wertaufbewahrungsmittel und einen Nutzwert, den keine andere Kryptowährung besitzt.

Als hoffnungsvolle Investoren ist es sehr verführerisch zu glauben, wir hätten eine Altcoin oder einen ICO gefunden, der Bitcoins Eigenschaften verbessern wird und uns somit zu frühen Vorreitern dieser (neuen) Revolution macht. Unglücklicherweise wird wunscherfülltes Denken solch fundamentalen Eigenschaften wie den Netzwerkeffekt oder die Zentralisierung nicht ändern können. Tausende von Altcoins im Laufe von sieben Jahren haben diese Eigenschaften nicht erfolgreich ändern oder replizieren können, und es sind genau diese Eigenschaften, warum Bitcoin die wahre Revolution ist.

Übersetzung des englischen original Artikels von Jimmy Song erschienen am 02. April 2018 auf Medium.

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